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Den Wind fangen

Es war einmal ein junger Mönch, dessen Seele so rastlos war wie die Wellen eines aufgewühlten Meeres. Er hatte viel über die „Erleuchtung“ gelesen und gehört, dass sie wie ein gewaltiger Wind sei, der alles Alte hinwegfegt und die Seele klärt. Er wollte diesen Zustand unbedingt besitzen.


Eines Nachts, als ein gewaltiger Sturm über die Berge fegte, rannte er hinaus in die Dunkelheit. In seinen Händen hielt er eine filigrane Papierlaterne. Er glaubte, wenn er nur schnell genug rennen und die Laterne im richtigen Moment öffnen würde, könnte er den Wind darin einfangen und mit nach Hause nehmen, um sein Leben für immer zu erhellen.


„Ich werde dich fangen, Wind!“, rief er gegen den Sturm an. „Du wirst meine Laterne erleuchten!“


Doch je mehr er rannte, desto erschöpfter wurde er. Der Wind wehte durch ihn hindurch, und von allen richtungen – aber er ließ sich nicht einsperren. Jedes Mal, wenn er die Laterne öffnete, flatterte das Licht darin nur wild, oder der Wind drohte, das dünne Papier zu zerreißen.

Schließlich sank der Mönch auf die Knie. Seine Lunge brannte, seine Beine zitterten. Er starrte auf die kleine Laterne in seinen Händen, die er so fest umklammert hatte, dass das Papier bereits Risse zeigte. In diesem Moment der totalen Erschöpfung ließ sein Wille nach. Er lockerte den Griff, seine Finger öffneten sich von selbst.


Er flüsterte heiser: „Ich kann dich nicht festhalten. Du bist überall.“


In diesem Augenblick der Hingabe geschah etwas Seltsames. Die Angst, das Licht zu verlieren, verschwand. Die Anstrengung, etwas zu erreichen, löste sich auf. Als die


Morgendämmerung über die Gipfel kroch, saß der Mönch vollkommen still auf einem Felsen. Die Laterne lag achtlos neben ihm im Gras, ihr Licht war längst erloschen. Doch in Seinem Inneren war es hell geworden. Er spürte den Wind auf seiner Haut, hörte ihn in den Blättern und fühlte ihn in seinem eigenen Atem.


Er lachte leise und sagte: „Jetzt verstehe ich. Du warst nie weg. Du bist alles.“


Er hatte aufgehört, den Wind fangen zu wollen, und war stattdessen selbst zum Wind geworden.


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