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Die Geschichte von den zwei Spiegeln

Es war ein heißer Nachmittag im Jetavana-Hain. Die Luft stand still, und das einzige Geräusch war das monotone Zirpen der Zikaden. Doch die Stille im Kloster wurde gebrochen.


​Zwei Mönche standen sich im Innenhof gegenüber. Ihre Gesichter waren rot vor Zorn.

​„Du hast die Regeln missachtet! Ich habe es genau gesehen!“, rief der eine Mönch, dessen Name Kassapa war. Er war der Ankläger.

​„Das stimmt nicht! Du verstehst die Situation überhaupt nicht und beschuldigst mich zu Unrecht!“, entgegnete der andere, Tissa, der Beschuldigte.


​Ihr Streit drohte gerade in Handgreiflichkeiten auszuarten, als ein tiefer, ruhiger Schatten auf sie fiel. Der Erhabene, der Buddha, war lautlos an sie herangetreten. Seine Präsenz war so kühl und friedlich, dass der Zorn der beiden Mönche wie Eis in der Sonne schmolz.


​„Mönche“, sagte der Buddha sanft, aber mit bestimmter Stimme. „Wenn ihr euch in einem Streitfall nicht selbst gründlich betrachtet, was glaubt ihr, wohin das führt? Es führt zu Weitschweifigkeit, zu Grobheiten, zu Tätlichkeiten. So werdet ihr niemals in Frieden leben.“


​Er blickte Tissa, den beschuldigten Mönch, an. „Komm mit mir.“ Dann blickte er Kassapa an. „Auch du.“ ​Der Buddha führte sie zu einem nahegelegenen Teich. Das Wasser war durch den Wind leicht aufgewühlt und trüb.


Der erste Spiegel: Für den Beschuldigten

​Der Buddha deutete auf das trübe Wasser und sprach zu Tissa: „Tissa, wenn dir jemand ein Vergehen vorwirft, geht deine Haltung sofort in die Verteidigung. Du wirst zornig, sprichst missvergnügte Worte und läufst davon, als hätte man dir Zollgebühren für verbotene Ware abgeknöpft. Du denkst: 'Hätte dieser Mönch mich nur nicht gesehen, dann müsste ich mich jetzt nicht rechtfertigen.'“

​Tissa senkte beschämt den Kopf. Genau das hatte er gefühlt.

​„Das“, sagte der Buddha, „ist der falsche Spiegel. Ein weiser Mönch prüft sich selbst gründlich. Er blickt in sein eigenes Herz und fragt sich ehrlich: 'Habe ich dieses Unheilsame getan oder nicht?' Wenn ja, gesteht er es ein und reinigt sich. Wenn nein, bleibt er ruhig wie ein Fels. Warum zornig werden über die Wahrheit oder Unwahrheit? Der Zorn ist das eigentliche Vergehen.“


Der zweite Spiegel: Für den Ankläger

​Dann wandte sich der Buddha Kassapa zu. „Und du, Kassapa. Du hast ihn angeklagt. Doch wie hast du ihn betrachtet? Du hast ihn mit Zorn im Herzen angesehen. Du dachtest: 'Dieser Mönch hat Unheilsames getan, ich habe es genau gesehen! Wenn ich ihn nicht erwischt hätte, hätte er so weitergemacht!' Du hast dich über ihn erhoben, hast missvergnügte Worte gesprochen und dich in deinem eigenen Recht gesonnt.“

​Kassapa schluckte schwer. Auch er erkannte sich wieder.

​„Auch das“, sprach der Buddha, „ist ein blinder Fleck. Ein anklagender Mönch muss sich vor der Anklage selbst prüfen: 'Bin ich frei von Zorn? Handle ich aus Mitgefühl, um meinem Bruder zu helfen, oder will ich nur Recht haben und ihn erniedrigen?' Wenn du aus Zorn anklagst, bist du nicht besser als ein Zollbeamter, der nur darauf wartet, jemanden zu ertappen. So entsteht kein Frieden.“


​Das klare Wasser:

​Der Buddha hob eine Hand und bat die beiden, erneut in den Teich zu blicken. Mittlerweile hatte sich der Wind gelegt. Das Wasser war spiegelglatt und glasklar. Sie konnten bis auf den Grund sehen und erblickten gleichzeitig ihre eigenen Gesichter, perfekt widergespiegelt.

​„Seht ihr das?“, fragte der Buddha. „Nur wenn der Geist frei von der Trübung des Zorns ist, kann man die Wahrheit sehen – die eigene und die des anderen. Wenn ihr euch bei einem Streitfall beide selbst so gründlich betrachtet wie dieses klare Wasser, dann gibt es keine Grobheiten und keine Tätlichkeiten mehr. Dann, und nur dann, werdet ihr in Frieden leben.“

​Die beiden Mönche sahen sich an. Die Hitze des Recht-haben-Wollens war verflogen. Sie verneigten sich tief vor dem Erhabenen und dann voreinander. Der Hof des Klosters war wieder still, und der Frieden war zurückgekehrt.


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