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Der Kranich und die Schlange

Zhāng Sānfēng (張三丰, lebte zurückgezogen in den Wudang-Bergen und widmete sich Tag für Tag der Kultivierung.


Eines Morgens sass er still vor seiner Hütte, als plötzlich lautes Flügelschlagen seine Aufmerksamkeit erregte.


Ein Kranich griff eine Schlange an.

Mit seinem scharfen Schnabel und den kräftigen Flügeln attackierte der Kranich sie immer wieder. Doch die Schlange kämpfte nicht mit Gewalt zurück. Sie wich jedem Angriff geschmeidig aus, wand sich sanft zur Seite und folgte den Bewegungen des Kranichs, ohne gegen seine Kraft anzukämpfen.

Mal schien der Kranich im Vorteil zu sein, dann wieder die Schlange. Je heftiger der Kranich angriff, desto ruhiger und geschmeidiger bewegte sich die Schlange. Im richtigen Augenblick schnappte die Schlange blitzschnell zu, als Warnung, ohne ihn zu gross zu verletzen.

Der Kranich erschrak, zog sich zurück und flog davon.


Zhāng Sānfēng erkannte die tiefe Weisheit dieses Kampfes und wusste, dass darin ein verborgenes Prinzip lag.


Dann dachte er:

„Der Kranich vertraute auf seine Kraft. Die Schlange vertraute auf ihre Natürlichkeit. Was nachgibt, wird nicht gebrochen. Wer dem Dao folgt, handelt im Wúwéi.“

Von diesem Tag an begann Zhāng Sānfēng die Bewegungen von Kranich und Schlange zu studieren. Nach der Überlieferung entwickelte sich daraus das Tàijíquán 太極拳.


Kommentar

Wer nur mit Härte antwortet, erschöpft sich schnell. Wer weich und geschmeidig bleibt, kann nachgeben, ohne zu verlieren. Im Wúwéi 無為, geschieht das Handeln ohne Zwang und im Einklang mit dem natürlichen Fluss. Gerade weil es nicht gegen den Lauf der Dinge kämpft, entfaltet es seine grösste Kraft.


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